Walter Eucken (1891 -1950)

Leben

Eucken wurde in Jena als Sohn des Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Rudolf Eucken geboren. Die Ideen des Vaters, dessen „noologische Methode“ (als Vorläufer einer phänomenologischen Vorgehensweise) und die Lehre eines „ethischen Aktivismus“, prägten Eucken und wirkten auf die spätere Lehre des Ökonomen.

Seine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung erhielt Eucken im Umfeld der jüngeren historischen Schule, der damals dominierenden, an Induktion und historischen Detailstudien ausgerichteten nationalökonomischen Forschungsmethode. Nach Studienjahren in Kiel, Bonn und Jena promovierte er 1913 bei H. Schumacher, 1921 betreute dieser auch Euckens Habilitation.

1923 erschien die Schrift Kritische Betrachtung zum deutschen Geldproblem, mit der Eucken eine Abwendung von historischen Erklärungsmustern hin zu einer stärker theoretischen Sichtweise vollzog. 1925 erhielt er einen Ruf an die Universität Tübingen, 1927 wechselte Eucken nach Freiburg. Dort verband ihn mit den beiden Juristen H. Großmann-Doerth und F. Böhm eine intensive Forschungs- und Lehrgemeinschaft, die als „Freiburger Schule“ über die Fachgrenzen hinaus bekannt wurde.

Während der nationalsozialistischen Diktatur engagierte sich Eucken in den oppositionellen „Freiburger Kreisen“, die u.a. Grundlinien für eine nachkriegsdeutsche Gesellschaftsordnung entwarfen. 1940 publizierte er sein methodisch wichtiges Buch „Die Grundlagen der Nationalökonomie“. Nach dem Krieg gehörte Eucken dem Wissenschaftlichen Beirat der Verwaltung für Wirtschaft des Bundeswirtschaftsministeriums an. 1952 wurde posthum sein für die politische Theorie bedeutsames Werk „Die Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ veröffentlicht.

Zum Werk

ORDNUNGSIDEE

Im Mittelpunkt des Ansatzes von Eucken steht das „Denken in Ordnungen“, wobei zwei Ordnungen zu unterscheiden sind: die konkrete Ordnung als historischer Tatbestand und die Idee der „Wesensordnung“, die zur Gestaltung einer „funktionsfähigen und menschenwürdigen Ordnung der Wirtschaft, der Gesellschaft, des Rechtes und Staates“ geeignet ist.

Mittels der Analyse historischer Ordnungsformen („Morphologie“) lassen sich nach Eucken reine Formen („Idealtypen“) herausarbeiten. Alle Wirtschaftssysteme können dabei in zwei Grundformen unterschieden werden: „Zentralverwaltungswirtschaften“ und „Verkehrswirtschaften“, je nachdem, ob es eine zentrale Planung gibt oder eine Koordination einzelwirtschaftlicher Pläne durch Preise stattfindet.

Unentbehrlich für die Realisierung verschiedener Ordnungsformen ist die Gestaltung der Wirtschaftsverfassung, die als bewusst gesetzte „Gesamtentscheidung über die Ordnung des Wirtschaftslebens eines Gemeinwesens“ zu verstehen ist. Die wirtschaftliche Ordnung ist dabei nicht unabhängig von den anderen Teilordnungen der Gesellschaft, es besteht vielmehr eine „Interdependenz der Ordnungen“.

DIE POLITIK DER WETTBEWERBSORDNUNG

Die Bedrohung der Freiheit des Einzelnen durch wirtschaftliche und politische Macht ist für Eucken das zentrale Problem. Zwar ermöglicht Wettbewerb das freie Handeln des Menschen, der Wettbewerb bedarf aber der Sicherung durch eine Gesamtordnung. In der Verknüpfung mit der Marktform der vollständigen Konkurrenz („Leistungswettbewerb“) soll ein Rahmen entstehen, durch den – analog zur Rechtsordnung – das freie Handeln des Einzelnen lediglich durch die Freiheitsrechte des Anderen begrenzt ist.

Die Errichtung einer Wettbewerbsordnung bedarf dabei nach Eucken der Realisierung konstituierender Prinzipien, als deren wirtschaftsverfassungsrechtliches Grundprinzip ein funktionierendes Preissystem im Zentrum steht.

Diesem sind sechs weitere Prinzipien zugeordnet, von denen drei wirtschaftspolitische Aspekte berücksichtigen (Primat der Währungspolitik, Konstanz der Wirtschaftspolitik und das Prinzip der offenen Märkte) und drei rechtlicher Natur sind (Vertragsfreiheit, Haftung und Privateigentum). Um die laufende Funktionsfähigkeit des Marktes aufrechtzuerhalten, ergänzt Eucken die konstituierenden durch vier regulierende Prinzipien: Monopolkontrolle, Einkommenspolitik (progressive Besteuerung), Wirtschaftsrechnung (zur Korrektur externer Effekte) und Vorkehrungen gegen anomales Verhalten des Angebots (insbesondere auf dem Arbeitsmarkt).

Die einzelnen Prinzipien ergänzen einander im Rahmen der ordnungspolitischen Gesamtentscheidung und sind als integrierender Bestandteil der Rechtsverfassung anzusehen. Letztlich geht es Eucken in seiner Politik der Wettbewerbsordnung immer um die Gestaltung der Form des Wirtschaftens („Spielregeln“) und nicht um die Lenkung des Prozesses („Spielzüge“).

AUFGABEN DES STAATES

Der Staat gilt Eucken – neben der Wissenschaft und den Kirchen – als ordnende Potenz der Gesellschaft. Es ist ein funktionsfähiges Staatswesen zu schaffen, das einer genau bestimmten Ordnung verpflichtet ist und die Interdependenz zur Wirtschaftsordnung berücksichtigt.

Hieraus ergeben sich zwei staatspolitische Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Erstens soll der Staat wirtschaftliche Machtgruppen auflösen oder deren Macht begrenzen, um so der Gefahr organisierter Sonderinteressen und kartellierter Privilegiensuche entgegenzuwirken. Statt eines schwachen Staates und einer Politik des Laissez-faire ermöglicht der handlungsfähige, starke Staat als ordnende Kraft im Sinne Euckens den freien und fairen Wettbewerb.

Hierin liegt aber kein autoritäres Staatsverständnis begründet, sondern die freiheitssichernde Funktion des Staates. Zweitens obliegt dem Staat die Gestaltung der wirtschaftlichen Ordnung, nicht aber die Lenkung der Wirtschaftsprozesse. Im Mittelpunkt steht damit nicht die Frage „Mehr oder weniger Staat?“, sondern die qualitative Dimension der Staatstätigkeit zum Aufbau einer hinreichenden Wirtschaftsordnung.