Alexander Rüstow (1885-1963)

Leben

Alexander Rüstow, geboren am 8. April 1885 in Wiesbaden, gestorben am 30. Juni 1963 in Heidelberg, studierte Mathematik, Physik, Philosophie, Volkswirtschaftslehre und Psychologie in Göttingen, München und Berlin. Nach der Promotion in Erlangen 1908 war er wissenschaftlicher Abteilungsleiter im Verlagswesen (1908-1911).

Seine Vorbereitung auf eine Habilitation über Parmenides wurde durch die Einberufung zum Kriegsdienst (1914-1918) vereitelt. Zuvor hat er sich in der deutschen Jugendbewegung engagiert, deren Klammer der Protest gegen die erstarrten Konventionen des gesellschaftlichen Lebens der damaligen Zeit war. Die Erfahrungen in der Jugendbewegung prägten Rüstows spätere Vorstellungen von der Lebensweise und Ausstrahlung kleiner Gruppen, deren Mitglieder sich freiwillig in eine natürliche, nach Leistung und Begabung gestaffelte Hierarchie einordneten und so die Grundlage einer aufrichtigen Solidargemeinschaft bildeten.

Zurückgekehrt aus dem Krieg war er vom moralischen Versagen des Wilhelminischen Deutschlands überzeugt und engagierte sich in verschiedenen Gruppen sozialistischer Intellektueller, zu denen er sich selbst zählte. Er schloss sich näher dem Nationalökonomen und Soziologen Franz Oppenheimer (1864-1943) an, dem sich ja auch Ludwig Erhard verbunden fühlte. Mit dessen Schülern Adolf Löwe und Eduard Heimann war er eng befreundet. Der geistige Austausch mit ihnen hat Rüstows Vorstellungen von einem „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus wesentlich geprägt. Am Sozialismus faszinierte Rüstow vor allem das Ziel, die „echte und wesenhafte menschliche Verbundenheit wieder zu erringen“. Er versuchte auf wissenschaftlichem Wege zu begründen, weshalb diese Integration nur über den Sozialismus zu erreichen sei.

Die Auseinandersetzung mit der ökonomischen Theorie – sowohl der liberalen als auch der sozialistischen – rückte mit Rüstows Eintritt in das Reichswirtschaftsministerium (1919-1925), wo er als Referent für Kartellfragen zuständig war, in den Vordergrund. Er wirkte bis 1923 wesentlich auf die „Verordnung gegen den Missbrauch wirtschaftlicher Machtstellungen“ ein. Als sie 1923 in Kraft trat, war das von ihm eingebrachte Verbotsprinzip für Kartelle gegen das Missbrauchsprinzip ausgetauscht worden. Diese wesentliche Schwächung der von Rüstow geforderten Begrenzung privater wirtschaftlicher Machtkonzentration war die Konsequenz der intensiven Einflussnahme machtvoller Interessengruppen auf den wirtschaftspolitischen Willensbildungsprozess. Doch diente der Entwurf immerhin als Vorlage des unter Ludwig Erhard eingebrachten „Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen“ (1957).

Im Jahre 1924 wechselte Alexander Rüstow zum „Verein deutscher Maschinenbauanstalten“ (VDMA). Hier wandte er sich als Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung im Interesse kleiner und mittlerer Unternehmen verstärkt gegen die Konzentration wirtschaftlicher Macht. Er zog liberal gesinnte Wissenschaftler wie Friedrich A. Lutz und Theodor Eschenburg an. Dabei analysierte er wirtschaftspolitische Probleme immer stärker aus liberaler Perspektive. Seine Abteilung avancierte zu einer Institution, die zunehmend sowohl vom Reichswirtschaftsministerium als auch von den großen Wirtschaftsverbänden konsultiert wurde. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung über eine der damaligen Wirtschaftslage angemessene Wirtschaftspolitik wandte er sich – zusammen mit anderen jüngeren Nationalökonomen wie Wilhelm Röpke und Walter Eucken – gegen die im Zweifel interventionistisch eingestellte Historische Schule.

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen hatten und die Gestapo Rüstows Zuhause durchsucht hatte, beschloss er, Deutschland zu verlassen. Er fand in Istanbul eine wirtschaftswissenschaftliche Zufluchtsstätte. Der türkische Staatspräsident Kemal Atatürk wollte sein Land an westliche Standards heranführen und baute ein modernes Universitätswesen vornehmlich mit Wissenschaftlern auf, die Deutschland verlassen mussten. Mit dem ebenfalls dort wirkenden Wilhelm Röpke verband ihn eine tiefe und lebenslange Freundschaft. Er beklagte die Einschränkungen seines wissenschaftlichen Asyls, doch machte diese Abgeschiedenheit sein umfängliches Arbeitsprogramm möglich. Der wesentliche Teil der Forschungen, die in sein Lebenswerk „Ortsbestimmung der Gegenwart“ gefunden haben, ist in Istanbul geleistet worden.

Nach 16jähriger Emigration kehrte Rüstow 1949 nach Deutschland zurück. In Heidelberg folgte er dem emeritierten Alfred Weber nach. Er beteiligte sich intensiv an der Diskussion zur Gestaltung einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Der Vorsitz der „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“ (ASM) war das für ihn passende Forum zur Verbreitung seiner ordnungspolitischen Vorstellungen; es war zugleich die entscheidende Begegnungsstätte in der Nachkriegszeit für marktwirtschaftlich eingestellte Wissenschaftler, Journalisten, Unternehmer und Politiker. Als Hochschullehrer war Rüstow einer durch Krieg, Vertreibung und Gefangenschaft niedergeschlagenen Studentengeneration ein wissenschaftliches und charakterliches Vorbild und gab ihr wieder neue Hoffnung. Schließlich wurden ihm öffentliche Anerkennung und politischer Einfluss zuteil.

Einer seiner Studenten, Bernhard Vogel, berichtet: Die beherrschende Gestalt Rüstows habe seinen Studenten Theorie, Geschichte, aber eben auch praktische politische Erfahrung und Entscheidungslehre vermittelt – „montags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 13 Uhr, gelegentlich um ein paar Minuten verkürzt, weil er unruhig auf die Uhr blickend den Zug nach Bonn noch erreichen wollte, um am Nachmittag mit Ludwig Erhard konferieren zu können.“

 

Zum Werk

Rüstows außerordentliche Spannweite in Forschung und literarischer Produktion reicht von philosophischer Erkenntnistheorie über Probleme der Gegenwartsphilosophie und Ordnungspolitik bis zu Fragen der Konzentration und Protektion. Dabei widmete er sich als Forscher nach dem Urteil Wilhelm Röpkes mit ungewöhnlicher Eindringlichkeit den entlegensten Einzelheiten der zahlreichen von ihm beherrschten oder doch überblickten Wissenschaften, oft mit dem Ergebnis, dass von solchen Einzelheiten ein Licht auf allgemeine Zusammenhänge fällt, wie auch umgekehrt erst aus der Gesamtschau Einzelphänomene im rechten Licht erscheinen.

Herausragendes Zeugnis dafür ist Rüstows magnum opus „Ortsbestimmung der Gegenwart“. Ausgehend vom „Überlagerungsansatz“ – die Niederwerfung sesshafter durch nomadisierende (kriegerische) Stämme ermögliche eine großräumige und arbeitsteilige gesellschaftliche Organisation als Basis für Wohlstand und Bildung einer Elite, die sich frei von wirtschaftlichen Zwängen geistigen Dingen widmen könne (Kulturpyramide) –, diagnostizierte Rüstow die derzeitigen und zukünftigen Aufgaben der freiheitlichen Gesellschaft, die sich gegenüber rechten wie linken Totalitarismen zu behaupten habe. Um diese Aufgabe zu bestehen, bedürfe sie einer inneren Ordnung, die auf Ethos und moralischen Bindungen beruhe und die letztlich bloß ein starker, dem Gemeinwohl verpflichteter Staat schaffen könne.

Rüstow wandte sich scharf gegen wirtschafts- und sozialpolitisches laissez-faire, da sich dann die sozialen und politischen Gegensätze verschärften. Das „Versagen des Wirtschaftsliberalismus“ war für ihn ein warnendes Beispiel. Entscheidende Anregungen zur Entwicklung der eigenen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Konzeption erhielt er auf dem „Colloque Walter Lippmann“ (Paris 1938), wo auch der Begriff „Neoliberalismus“ entstand. Die Umrisse seiner Konzeption hat Rüstow – in Frontstellung zur Historischen Schule – auf einer Tagung des „Vereins für  Socialpolitik“ skizziert (1932).

Die Ursachen massiver wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fehlentwicklungen sah er in staatlichen Interventionen begründet, die die Gesellschaft vor leidigen Anpassungszwängen bewahren sollten. Rüstow plädierte in Vorwegnahme des von Röpke entwickelten Marktkonformitätskriteriums für liberale Interventionen, die die sich bei Strukturwandlungen ergebenden Reibungsverluste und Unverträglichkeiten abkürzen sollten. Dem Staat sollten im wesentlichen ordnungspolitische Gestaltungsaufgaben übertragen werden. Dies war die Geburtsstunde des deutschen Neoliberalismus.

Rüstow sah eine moralische Verpflichtung des Staates zu sozialpolitischer Aktivität. Doch sei dabei die Eigengesetzlichkeit des wirtschaftlichen Bereichs zu beachten; auch bedinge eine in sich stimmige Sozialpolitik einen wirtschaftspolitischen Rahmen. Um Überschaubarkeit in das sozialpolitisch „völlig unübersichtliche Chaos“ zu bringen, schlug Rüstow eine Art Sozialbudget vor. Wenn sich bei hohem  finanziellen Aufwand trotzdem noch Menschen in Not befänden, sei die Verteilung der Sozialausgaben fehlerhaft; eine bloß quantitative Erhöhung der Sozialleistungen sei unsozial, da diese von der breiten Masse der Steuerzahler aufzubringen sei. Dabei setzt er auf das christliche Subsidiaritätsprinzip, das zunächst den Betroffenen selbst handeln lasse; erst bei dessen Überforderung sei die nächst höhere Ebene gefordert.

„Brauchst Du eine hilfreiche Hand, so suche sie zunächst am Ende Deines rechten Armes“, lautet ein von Rüstow gern verwendetes Bonmot. Der Staat habe die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass sich die Menschen aus eigener Kraft helfen könnten. Dies war für Rüstow Vitalpolitik: Verhältnisse und Einstellungen zu schaffen, in denen der Mensch sich geborgen und glücklich fühlen könne. Da späteres Wohlbefinden besonders von der Entwicklung in der Kindheit und Jugend abhänge, sei gute Familienpolitik wesentlicher Teil der Vitalpolitik.